Die Europäische Kommission hat mit dem Circular Economy Action Plan (Quelle: Europäische Kommission, 2020) Richtlinien veröffentlicht, die auch den Bausektor direkt betreffen. Diese Richtlinien zielen darauf ab, den Lebenszyklus von Produkten und Materialien zu verlängern und die Wiederverwendung zu fördern. Aus diesem Plan ergibt sich die Notwendigkeit, bestehende Normen zu überdenken und gegebenenfalls neu zu definieren.
Zentrale Aspekte moderner Bau-Normen:
- Lebenszyklusorientierung: Gebäude werden von der Planung bis zum Rückbau betrachtet, um frühzeitig Anpassungen für eine spätere Wiederverwendung vorzusehen.
- Materialkennzeichnung: Ein transparenter Überblick über verwendete Materialien ermöglicht das sortenreine Recycling und Wiederverwendung.
- Modularität und Flexibilität: Konstruktionen sollen so gestaltet sein, dass einzelne Bauteile leicht ersetzt oder neu genutzt werden können.
Ressourceneffizienz durch Cradle-to-Cradle
Ein wichtiger Ansatz für zirkuläres Bauen ist das Cradle-to-Cradle-Prinzip (C2C). Dabei versteht man Gebäude wie einen temporären Materiallagerort. Sobald das Gebäude oder ein Bauteil nicht mehr benötigt wird, kann das Material ohne Qualitätsverlust wieder in den Wirtschaftskreislauf gelangen.
- Innovation in Baustoffen: Biobasierte Materialien wie Hanf oder Stroh sowie innovative recyclingfähige Kunststoffe werden immer beliebter.
- Gesundheitliche Unbedenklichkeit: C2C setzt voraus, dass Baustoffe keine giftigen Inhaltsstoffe enthalten. Das schließt auch die Weiterverwendung in anderen Sektoren ein.
- Normative Herausforderungen: Noch sind viele der existierenden Bau-Normen nicht auf die ganzheitliche Wiederverwertbarkeit ausgerichtet. Um eine reibungslose Integration in die Praxis zu ermöglichen, braucht es angepasste Gesetze und Prüfverfahren.
Digitale Tools und Vernetzung als Schlüssel
In Zeiten fortschreitender Digitalisierung bietet sich die Chance, mithilfe digitaler Zwillinge und Datenbanken den Material- und Ressourcenfluss genau zu verfolgen. Indem man einen digitalen Zwilling für ein Gebäude erstellt, kann man alle verbauten Materialien erfassen und im Falle eines Umbaus oder Rückbaus gezielt zurückgewinnen.
- Building Information Modeling (BIM): Diese Methode ermöglicht eine genaue Planung und Dokumentation von Gebäuden. Werden Normvorgaben in BIM-Modellen integriert, lassen sich Materialien und Ressourcen im gesamten Lebenszyklus besser steuern.
- EPR Registrierungsnummer: Um sicherzustellen, dass Hersteller und Importeure ihre Produktverantwortung wahrnehmen und recycelbare Lösungen bereitstellen, ist eine klare Kennzeichnung Pflicht. In diesem Zusammenhang spielt die EPR Registrierungsnummer eine zentrale Rolle, da sie die Nachverfolgbarkeit und Verantwortung in puncto Produktlebenszyklus untermauert.
Gesellschaftliche und politische Einflüsse
Die Anpassung oder Neuentwicklung von Bau-Normen setzt nicht nur technisches Know-how voraus, sondern auch politisches und gesellschaftliches Engagement. Entscheidend ist, dass Architektinnen, Ingenieurinnen, Kommunen und Bauunternehmen zusammenarbeiten, um neue Regelwerke voranzubringen.
- Politischer Rahmen: Die EU-Bauproduktenverordnung (EU-BauPVO) definiert grundlegende Anforderungen an Bauwerke, die erweitert werden müssen, um zirkuläre Konzepte effektiv zu integrieren.
- Wirtschaftliche Anreize: Steuerliche Erleichterungen oder Förderprogramme könnten den Einsatz nachhaltiger Bau- und Rückbaukonzepte attraktiver machen.
- Kritische Auseinandersetzung: Manche Stimmen fürchten, dass strengere Normen den Bau verteuern. Gleichzeitig sehen viele Expert*innen diese Bedenken als kurzsichtig an, da sich langfristig Einsparungen durch geringeren Material- und Energieverbrauch einstellen.
Stolpersteine und Herausforderungen
Trotz dieser vielversprechenden Entwicklungen bleibt es komplex, zirkuläre Bau-Normen in der Praxis umzusetzen. Zu den größten Hürden gehören:
- Fehlende einheitliche Standards: In vielen Ländern gibt es unterschiedliche Regelwerke, was die Umsetzung zirkulärer Prinzipien erschwert.
- Mangelnde Akzeptanz: Manche Marktakteure scheuen Mehrkosten in der Startphase für Forschung und Entwicklung neuer Materialien und Bautechniken.
- Fachkräftemangel: Der Bedarf an Expert*innen, die das Zusammenspiel von Bau, Nachhaltigkeit und Normen verstehen, ist hoch und wächst stetig.
Zukunftstrends
Die Bauwirtschaft ist ein Schlüsselsektor für die Umsetzung der Kreislaufwirtschaft. Neue, zirkuläre Bau-Normen sind dabei ein zentraler Hebel, um Städte in lebendige Ressourcenkreisläufe einzubinden. Digitale Technologien wie BIM, biobasierte Materialien und ganzheitliche Konzepte wie Cradle-to-Cradle liefern bereits heute Blaupausen für Gebäude, die am Ende ihrer Nutzungsdauer nicht einfach zu Abfall werden. Stattdessen wird ihr „Rückbau“ zum Rohstoffgewinn.
Im Idealfall lassen sich in naher Zukunft alle relevanten Daten über den Lebenszyklus eines Gebäudes einheitlich erfassen und überprüfen. Dadurch entstehen völlig neue Ansätze für den Betrieb und die Wartung von Objekten. Normen, die diese Transparenz und Wiederverwendbarkeit fördern, sind dringend notwendig. Die Bauindustrie hat die Chance, sich neu zu erfinden – von einer ressourcenintensiven Branche hin zu einem Innovationsmotor einer nachhaltigen Gesellschaft.
Damit diese Vision Wirklichkeit wird, müssen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft weiterhin konsequent an einem Strang ziehen. Wenn neue Bau-Normen den Wandel in Richtung Kreislaufwirtschaft konsequent unterstützen, kann die Baustelle der Zukunft nicht nur energieeffizient, sondern auch ressourcenschonend und klimafreundlich gestaltet werden. Auf diese Weise werden Städte langfristig zu wertvollen Ressourcenlagern – und leisten einen entscheidenden Beitrag zum schonenden Umgang mit unserem Planeten.